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Drogen, Chemsex usw.: Tabuthema?

2023-03-02|19:27 · von Redaktion1

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© Depositphotos/vetkit

In der Schwulenszene sind Substanzen wie Mephedron, GHB und Kokain leider weit verbreitet und Chemsex-Partys nehmen zu. Es ist aber wichtig, zu erkennen und sich einzugestehen, wenn der Konsum das Leben zu beherrschen beginnt und man nicht mehr so leicht davon loskommt. Dieser Erkenntnisprozess kann langwierig sein, aber es ist nie zu spät, etwas zu ändern.


Ein Betroffener berichtet, dass er schon lange wusste, dass er sein Leben ändern muss, aber es dauerte, bis er nicht nur die Stimme der Vernunft hörte, sondern auch wirklich etwas tun wollte. Seit Anfang des Jahres lebt er nun komplett abstinent und möchte dies nun in einer ernsthaften Therapie festigen. Damit das auch langfristig so bleibt, hat er auch den wichtigen Schritt unternommen, sein Umfeld zu verändern.

Er ruft dazu auf, ehrlich zu sich selbst zu sein und auf den eigenen Körper zu achten. Zu lernen, sich selbst zu lieben und sich ohne äußere Einflüsse zu ernähren, mag für manche schwierig sein, aber jeder kann es schaffen. Es ist nie zu spät, Hilfe zu suchen und sein Leben in die richtigen Bahnen zu lenken.

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2023-03-02|19:33 · von Redaktion1

Bevor ich mich zu meiner 112-tägigen stationären Therapie vertschüsse, möchte ich noch auf ein Problem eingehen, das sich seit einiger Zeit intensiviert und mich in den vergangenen eineinhalb Jahren vielfach sehr schockiert hat.

 

Eine Rutsche ins Verderben

Seit Ende 2012 bin ich in der schwulen Szene in Wien unterwegs, regelmäßig in der einschlägigen Nachtgastronomie ausgegangen, habe diverse Großveranstaltungen mitorganisert und mir ein enormes Netzwerk in der LGBTIQ*-“Community” aufgebaut. Wie schon oft durchgekaut, bin ich selbst recht anfällig für Drogen (gewesen) und habe die Effekte von Alkohol, Kokain, Mephedron, Speed, Gammahydroxybutyrat (GHB oder “Liquid Ecstasy”) usw. stark auszunutzen gewusst – bis zu dem Punkt hin, dass mein Leben eher von den Substanzen bestimmt war, als umgekehrt.

 

Aufstieg und Fall

Sucht kann viele Formen annehmen. Bei mir bedeutet sie, dass ich den Großteil meines ohnehin schon gering vorhandenen Geldes ins Fortgehen getsteckt habe und mich eher in ein ähnlich verkorkstes Umfeld verdrückt habe, statt mich meinen Problemen zu stellen. Ich bin in einen Teufelskreislauf gestolpert, der von Substanzen und der damit verbundenen Verdrängung bestimmt war. Meine Woche war zunehmend auf das Feiern ausgerichtet, nach oft mehrtägigen Exzessen war eine mehrtägige Erholungsphase quasi schon standardmäßig einzuplanen. Jeder Versuch, den Kreislauf zu durchbrechen, wurde durch das korrumpierte Umfeld und meine eigenen Selbstwertprobleme bzw. den damit verbundenen Schutz- und Verdrängungsmechanismen zunichte gemacht. Meine Energie, mein Antrieb, meine Motivation waren am Boden. Suizidgedanken waren gerade im letzten Jahr keine Seltenheit, das Leben schien ich nicht mehr zu meistern: Mein ruinöser Abstieg über die Jahre vom vielversprechenden Politikaktivisten bis hin zum armutsgefangenen Barkeeper, der die meiste Freizeit am selben Arbeitsplatz “vertrank”, machte mir enorm zu schaffen und jegliche Zukunftsaussichten erschienen mir schwarz wie die Nacht. Der Kontakt zur Familie und zu eigentlich wirklich guten (“normalen”) Freunden verflüchtigte sich.

 

Gleich und gleich verstärkt sich

Ich war aber nicht alleine. Ich umgab mich mit einem Umfeld, dem es mehrheitlich ähnlich erging. Ich denke, dass ein großer Teil der homosexuellen Menschen ein gewisses Problem mit dem persönlichen Selbstwert hat, aber vielen ist das natürlich nicht bewusst. Durch ein Aufwachsen in permanenter Präsenz des eigenen “Andersseins” aufgrund der leider noch nicht mehrheitlich vorhandenen gelebten Toleranz, Akzeptanz und echten Inklusion, internalisieren viele homosexuelle Menschen ein gewisses Minderwertigkeitsgefühl. Nicht umsonst sind auch so viele schwule Männer ihr Leben lang meist Single und haben nur oberflächliche Sexdates, sind sogar überzeugt davon, dass sie genau nur das wollen. Das zeigt klar: wer in der Lage ist, andere zu lieben und Liebe von anderen wirklich anzunehmen, der muss zuallererst einmal lernen, sich selbst zu lieben. Doch für viele ist das ein lebenslanger Prozess. Man sieht diese Problematik beispielsweise auch daran, dass gerade unter schwulen Männern der Drang nach (äußerer) Selbstverwirklichung so groß ist: sei es im Fitnessstudio, im Berufsleben oder im Kreativen – was ja auch alles seine klar ersichtlichen Vorteile hat. Die Ursache ist allerdings die Suche nach externer Bestätigung.

 

3 Tage Afterhour

Gerade seit meiner Arbeit im schwulen Nachtleben im ersten Halbjahr 2022 bin ich stark in Kontakt mit Chemsex-Partys und mehrtägigen Drogen-Partys gekommen, die in der schwulen Szene Wiens rasant zunehmen. Diese kommen oft nach normalen “Fortgeh-Events” zustande, wo bereits Drogen konsumiert werden und die Stimmung anschließend auch im privaten Bereich noch im Rahmen einer “Afterhour” aufrechterhalten werden soll. Männer, die sich attraktiv finden, gehen gemeinsam in Grüppchen nach Hause in eine entsprechend geeignete Wohnung, in welcher dann weitergefeiert wird und es oft auch zu sexuellen (Gruppen-)Interaktionen kommt, die durch die Einnahme von anregenden Substanzen (Mephedron, GHB u.ä.) in wilden Rudelorgien enden können. Das kann dann auch mal 2-3 Tage hindurch ablaufen.

 

Geistiger Ausnahmezustand

Selbstverständlich ist dann keiner mehr bei klarem Verstand und was ich da bei der ein oder anderen Gelegenheit erfahren durfte, das sprengt jegliche Fantasie der Durchschnittsösterreicher:innen. Viele Drogennotfälle insbesondere auf GHB habe ich behandelt, einmal habe ich im Rahmen dessen auch die Notbremse gezogen und für einen Teilnehmer die Rettung gerufen. Leider bin ich in dieser Zeit der moralisch grenzwertigen Eskapaden nur selten auf Mitmenschen gestoßen, die noch ähnlich bei Vernunft waren und entsprechende Mitmenschlichkeit an den Tag zu legen vermochten. Beinahe-Vergewaltigungen sind mir begegnet ebenso wie die Rücksichtslosigkeit, Partyteilnehmer, die schon zu viel hatten, in ihrem bedenklichen Zustand einfach vor die Tür setzen zu wollen. Bei einer Party ist jemand halbnackt aus seiner eigenen Wohnung gerannt und verschwand. Seine Freunde samt mir mussten ihn daraufhin über eine Stunde suchen, bis die das Chaos auflösende Meldung hereinkam: er war wie in Trance bei einer anderen solchen Homeparty aufgetaucht ohne Erinnerungen daran, wie er dort hingekommen war.

Menschen, die sich so etwas regelmäßig geben und dabei jedes Mal Grenzen überschreiten, Risiken eingehen und unmoralische Handlungen setzen, die sie nüchtern vielleicht nie tun würden – diese haben rational gesehen klar ein Problem. Und ich kann jeden, der in einer ähnlichen Spirale gefangen war wie ich, oder dem solche Ereignisse bekannt vorkommen, nur in aller Freundschaft bitten und auffordern, sich wie ich in Hilfe zu begeben. Oder zumindest Menschlichkeit an den Tag zu legen und anderen, denen es nicht gut geht oder die im Rahmen des Konsums gar nicht mehr imstande sind, ihre Lage korrekt zu beurteilen, zu helfen ohne ausschließlich ans eigene Wohlergehen und den eigenen Spaß im Moment zu denken.

 

Verlieren wir eine Generation?

Einige Konsumenten sind innerhalb weniger Monate auf eine Menge und ein Toleranzlevel von diversen Substanzen gekommen, welche ich innerhalb von 10 Jahren nicht erreicht habe. Ein Gramm Mephedron ist leicht erhältlich und kostet teils nur 20€. Zum Vergleich: für ein Gramm Kokain muss man ca. 100 Euro zahlen. In die Suchtfalle zu tappen, ist schon lange nicht mehr teuer! Erschreckend ist schlussendlich für mich auch das Alter der Protagonisten: Was soll bei fortwährendem Drogenkonsum aus diesen 17, 18, 19, 20-Jährigen einmal werden? 

Mein Appell an die Institutionen der Stadt Wien ist natürlich klar: Bitte leistet da noch VIEL mehr proaktive Aufklärungsarbeit, z.B. über Chemsex, dessen Risiken und Methoden zur Abwendung von Drogennotfällen. 

Ich danke für die Aufmerksamkeit.

 

 

Dorian Rammer ist 26 Jahre alt, gelernter Rettungssanitäter, ehemaliger Mitorganisator der Regenbogenparade und SPÖ-Funktionär. Bevor er sich in eine freiwillige Entzugstherapie begibt, schreibt er in diesem Appell über seine Drogenabhängigkeit, die explosionsartige Verbreitung von schwulen Drogen-Sex-Partys und fordert die Wiener Stadtregierung zum raschen Handeln auf.

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2023-03-03|07:41 · von Redaktion1

Wie sind deine Erfahrungen mit Chemsex und den oben beschriebenen Partys? Ist es ein wachsendes Problem?

Lass es uns wissen und schreibe es hier in die Kommentare.

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