In Serie haben wir schon alles gesehen: Schwule Dämonen, schwule Hexer, schwule Vampire, schwule Sheriffs. Aber schwule Afro-Amerikaner? Das gab’s bisher so gut wie nie, denn, man mag es nicht glauben, »schwarz und schwul« ist in den USA immer noch ein großes Tabu. Ein Tabu, welches die Aufsehen erregende Serie »The DL-Chronicles« auf erotische, witzige, dramatische und kurzweilige Art und Weise bricht.

Wir Europäer können das vielleicht nicht so ganz nachvollziehen, aber schwule Afro-Amerikaner sind in den USA bis heute ein Thema, das man lieber mal verschweigt – sogar in den GLBTQ-Communities selbst. Immer wieder werden farbige Homosexuelle entweder ignoriert oder nur am Rand behandelt. Für Afro-Amerikaner ist ein Coming-Out zuweilen noch schwieriger als für Hellhäutige: Homophobie ist in deren Cliquen, Gangs oder Familien noch stärker verbreitet als anderswo. Und, nebenbei: Was passiert wenn die Vorurteile des kräftigen, furchterregenden und kriminellen schwarzen Mannes mit jenen des misstrauischen, obszönen und sexuell promiskuitiven schwulen Mannes aufeinandertreffen?
Schwarz, schwul und »on the low«
Dies ist nur eine der Fragen, welche in der ersten Staffel von »The DL-Chronicles« behandelt werden. Den Kern der Serie beschreibt aber der Vorspann selbst am treffendsten:
»Schwarze. (…) Männer, deren Stimme gedämpft ist, unter den Teppich gekehrt, durch Geheimhaltung verstummt. Der Down-Low-Mann vermischt wie Grenzen der Unterscheidung zwischen schwul und hetero, normal und abnormal, moralisch und unmoralisch. Wie ein Kind, das zwei Leinen vereint. Die eine schmutzig, die andere sauber. Farbige Männer, gefangen zwischen Definition und einem Ziel. Sie leben in einer Grauzone. Sie leben am down-low.«
›DL‹ steht also für ›down low‹, was soviel heißt wie: Versteckt schwul sein, ein Doppelleben führen. Genau das verbindet die vier Männer Wes, Robert, Boo und Mark: Sie sind nicht nur alle Afro-Amerikaner, sondern gehen auch gerne mal mit einem Typen ins Bett – streng vertraulich, versteht sich! Dabei kann es sich um ein schnelles Abenteuer, die erste Liebe oder eine langjährige Beziehung handeln. Doch solch ein Doppelleben führt natürlich zu erheblichen Konsequenzen und oftmals zu einer Entscheidung, die das eigene Leben für immer verändert…

Meet: The DL – Boys
Die erste Staffel besteht aus vier Folgen (zu je ca. 30 Minuten), welche sich je einer bestimmten Figur widmet: Wes, Robert, Boo und Mark. Verbunden werden diese Geschichten durch den Erzähler Chadrick Williams, ein aufstrebender Journalist, welcher der Frage nachgeht, was es heißt, schwarz, schwul und »on the low« zu leben. Jede Episode geht aus einem anderen Blickwinkel dieser Frage nach, denn eine einheitliche Antwort gibt es darauf nicht (und die Serie versucht erst gar nicht, diese zu finden): Wes, der nichts anderes als ein perfekter Ehemann sein will, wird in seiner Sexualität zutiefst verunsichert, als der schwule Bruder seiner Frau sich in seinem Haus einnistet. Boo, der durchtrainierte (und sexy!) Gangster-Rapper will vor allem eines: Sex! »Ich bin nicht schwul. Ich liebe es einfach, abzuspritzen«, sagt er und geht dabei genauso gern mit Boys, als auch Girls ins Bett. Robert will sich als alleinerziehender Vater vor seiner Tochter nicht outen – was sich allerdings als immer schwieriger herausstellt, als er die große Liebe kennenlernt. Und schließlich ist da noch Mark, der mit Donte bereits seit 3 Jahren eine perfekte Beziehung führt, trotzdem aber ein Coming-Out in seiner Familie nicht übers Herz bringt.
Spektakulärer als Vampire und Hexen
»The DL-Chronicles« überrascht mit einer überraschend eleganten, stilsicheren und auch erotischen Erzählweise, die allerdings nicht davon abhält, bei den Storys in die Tiefe zugehen: Präsentiert werden dreidimensionale Figuren, mit denen man mitfühlt und sich von der ersten Minute an verbunden fühlt. Klischees werden angesprochen und zerstört, Tabu-Themen gnadenlos behandelt: Neben der »Schwarz und Schwul«-Thematik bekommt man hier auch einen schwulen Vater zu sehen, das Verschweigen von AIDS sowie die Tatsache, dass es nicht nur die Männer sind, die in einer Beziehung betrügen. Denn: In »The DL-Chronicles« werden echte Menschen mit Ecken und Kanten gezeigt, vor allem aber Menschen, die am gesellschaftlichen Druck, in eine bestimmte Kategorie passen zu müssen, beinahe zerbrechen. Denn nur wenige der in der Serie gezeigten Männer bezeichnen sich selbst als »gay«. Das mag manchmal an Selbstverleugnung liegen, meist aber am Widerstand, sich in eine gesellschaftliche Schublade stecken zu lassen. Und dies ist etwas, was »The DL-Chronicles« überraschende Tiefe verleiht. Jede Episode zeigt einen Ausschnitt des Lebens eines Mannes in der (sexuellen) Krise. Manchmal so unspektakulär, ruhig und wunderschön inszeniert, dass es schon wieder bei weitem spektakulärer ist als die Welt von »Dante’s Cove« und »The Lair« mit ihren Vampiren, Hexen und Zauberern.

Ein Mix aus Eleganz und Gefühl
Dramatik, Gefühl und Witz wechseln sich in den vier Episoden erfolgreich ab, sodass eine kurzweilige Unterhaltung mit Tiefgang garantiert ist. Einzig die erste Episode »Wes« fällt im Vergleich zu den anderen drei etwas zurück und weiß nicht gar so gut zu gefallen wie seine Nachfolger. Die Schauspieler liefern eine tolle Leistung ab und schaffen es, die Zerrissenheit der Figuren dem Zuschauer zu übermitteln. Die Musik setzt sich ausschließlich aus (tollen!) R’n’B-Stücken zusammen, woran man merkt, dass es sich hier um eine Serie über Afro-Amerikaner handelt. Nackte Haut gibt’s zuhauf, auf pornographische Szenen muss man allerdings verzichten – Gut so! Denn in »The DL-Chronicles« geht’s eben nicht nur um den Sex, sondern um den Menschen dahinter. In dieser Hinsicht ist die Serie vielen anderen »Gay Serien« oder »Gay Movies« weit voraus, was »The DL-Chronicles« auch zur derzeit besten schwulen Serie am Markt macht.
Bilder: PRO-FUN MEDIA