»Queer as Folk« war gestern. Heute regiert das Mystery-Drama »Dante’s Cove«, die schwule Serienwelt! Heißer Sex, Intrigen, Liebeskummer und jede Menge Mystery: Fans sind begeistert, die Kritiker sind zweigeteilt. »Trashy« sagen die einen, »addictive« die anderen. Fakt ist, dass ›Dante’s‹, wie die Serie von Fans genannt wird, keinen kalt lässt. Auch jenseits von den USA wird man dank DVD-Veröffentlichungen immer mehr auf die sexy Horrorserie aufmerksam. Doch wie gut ist sie wirklich? Ist Dante’s Cove tatsächlich ein würdiger Nachfolger des Gay-Knallers Queer as Folk? Gayboy.at hat für euch die erste Staffel mit dem reißerischen Titel »Some loves will haunt you forever« genau unter die Lupe genommen.

1. Die Story
»Charmed« meets »Queer as Folk«, »The OC« meets »Dark Shadows«, »Sex and the City« meets »Buffy«. So in etwa könnte man Dante’s Cove beschreiben, einem Genre-Mix, der zwar an sich nicht neu ist (Horror und Teen-Soap… wer kennt das nicht?!), durch den Fokus auf homosexuelle Figuren aber willkommenen frischen Wind in die TV-Landschaft bringt
(Trailer-Video siehe unten).
Aber von Anfang an: Die Staffel beginnt mit einer heterosexuellen Liebesbeziehung zwischen Grace, einer Hohen Priesterin, und Ambrosious. Ort: Die Insel »Dante’s Cove«, die ihrem Aussehen zufolge irgendwo in Spanien oder auch Griechenland liegen muss. Jahr: 1840. Ambrosious soll Grace heiraten, betrügt sie aber schon in den ersten Minuten der Staffel mit dem sexy Butler
(und wir wissen wieder, wieso wir eingeschaltet haben). Als die ohnehin schon eifersüchtige Grace ihren Verlobten beim heißen Sex erwischt, verflucht sie ihn: Sie sperrt Ambrosious für alle Ewigkeit ins Verlies ihrer Villa, und lässt ihn auch noch in Sekundenschnelle altern. Nur ein Kuss eines (natürlich feschen) jungen Mannes kann ihn befreien. Die böse Hexe verflucht also nicht die Prinzessin, sondern den Prinz, der wiederum von einem Prinzen gerettet werden muss. Nett.
In der Gegenwart muss der junge Schwule Kevin einerseits mit seiner erst frischen Liebe zu Hottie Toby über solche Dinge wie Eifersucht und gemeinsamer Zukunft streiten, zum anderen muss er sich mit seinem brutalen und homophoben Stiefvater herumschlagen. Also beschließt er, zu Toby (und somit nach Dante’s Cove) zu ziehen. Dieser wohnt mit seiner lesbischen besten Freundin Van, seinem (manchmal hetero, manchmal homo) Exfreund Adam und dem schwulen Partygänger Cory (der halt auch einfach so da ist) in genau jenem Haus, in dem Jahrzehnte zuvor Ambrosious verflucht wurde. Nun hört das Herrenhaus auf den Titel »Dante’s Hotel« (obwohl es kein Hotel ist, aber egal), welches durch seine stets seminackten Bewohner eher an eine Corbin Fischer-Residenz erinnert als an ein gemütliches Zuhause. Schon bald merken die Freunde, und besonders Toby und Kevin, dass sie buchstäblich von Geistern der Vergangenheit heimgesucht werden. Schon bald werden sie von Visionen geplagt. Der Horror beginnt allerdings erst, als Kevin das Verlies des Hauses betritt…
Es gilt: Über vieles in der Story hinwegsehen. Vor allem anfangs geht die Story viel zu schnell voran, die dramaturgischen Sprünge sind oft ziemlich groß. Auch bleibt manches unerklärt, so der lebenserweckende Kuss Ambrosious‹ gegenüber Kevin zum Beispiel. Macht aber nichts, der Mix aus Mystery, Soap und Gay-Drama fasziniert von Anfang an, die Liebesgeschichte zwischen Kevin und Toby hat Potenzial für die (Serien-)Zukunft. Störend sind die dauernden Flashbacks in der Story, die dem Zuschauer frühere Szenen in Erinnerung rufen sollen, und zwar auch solche, die man erst vor wenigen Minuten gesehen hat. Da die erste Staffel nur aus einer 84- und einer 106minütigen Folge besteht, wäre es angenehm gewesen, diesen Erzählstil auf ein Minimum zu reduzieren und dafür andere Aspekte der Serie mehr zu vertiefen, wie die Beziehung zwischen Toby und Kevin zum Beispiel, die zwar stellenweise ans Herz geht, aber manchmal erschreckend oberflächlich bleibt. Der schnelle Schnitt lässt die Erzählweise dynamisch erscheinen. Spannung ist von Anfang an garantiert, auch wenn im zweiten Drittel der Staffel mal kurz Langeweile aufkommt, was man aber (wegen der feschen Schauspieler) verkraftet.

2. Figuren
Im Mittelpunkt stehen Toby und Kevin, das Liebespaar, und quasi deren Gegenpart, Grace und Ambrosius. Auch sind es folglich diese Figuren, die am meisten entwickelt sind und zu welchen man eine Beziehung aufbaut. Schade ist, dass man sich nicht die Zeit nahm, die Beziehung zwischen Toby und Kevin zu vertiefen. So erscheint ihre große Liebe zu weilen etwas unglaubwürdig, vor allem deshalb, da sich die beiden erst seit vier Monaten kennen. Zu Kevin fühlt man eine Verbindung, schließlich betritt man mit ihm gemeinsam nicht nur die Welt von Dante’s Cove, man spürt auch zuweilen seine Unsicherheit bezüglich seiner Sexualität. Ein großes Manko ist Toby, der stets etwas zu passiv wirkt und dem es nicht gelingt, Sympathie-Punkte zu erzielen. Vielleicht liegt es aber auch nur am Schauspieler Charlie David, dem es noch einiges an Übung vor der Kamera fehlt.
Die anderen Figuren, allen voran Adam und Amber, bleiben jedoch blass. Besonders aber in Adam, dem intriganten »trust fund brat«, wie er genannt wird, steckt noch erheblich Potenzial. Nicht zuletzt wegen des süßen Schauspielers Stephen Amell wünscht man sich für ihn mehr Screentime. Auch Cory weiß zu gefallen, und so ist man froh, dass er in der zweiten Hälfte der Staffel mehr Gewicht bekommt. So eine Sache ist es mit Van, lesbische Künstlerin und Tobys beste Freundin. So richtig sympathisch mag sie nicht rüberkommen, zu divers ist die Figur gezeichnet. Führt sie nun etwas in Schilde oder nicht? Fast wünscht man es sich, da die Figur mit ihrem Hang zur Magie in der Zukunft das Potenzial hat, zu einer gefährlichen Gegenspielerin zu werden.
Begeistern kann vor allem die Hohe Priesterin Grace, eine Figur, die erfreulicherweise nicht einfach nur schwarz/weiß gezeichnet ist. Getrieben von Eifersucht, Unsicherheit, der Unterdrückung ihrer Mutter und der unendlichen Liebe zu Ambrosius ist sie bereit, buchstäblich über Leichen zu gehen. Sie ist nicht nur herrlich böse, sondern auch eine sehr komplexe Figur. Und bekanntermaßen sind die größten Bitches in den Serien ja immer die besten.

3. Schauspieler
Die meisten der in Dante’s Cove auftretenden Schauspieler sind zur Gänze unbekannt. Einzig Tracy Scoggins, welche Grace darstellt, ist ein bekanntes TV-Gesicht. So kennt man sie unter anderem aus der ersten Staffel von »Superman – Die Abenteuer von Lois und Clark«, wo sie aber zugegebenermaßen ziemlich nervte. Hier aber liefert sie gute Arbeit ab und genießt es sichtlich, die komplexe Figur der Grace zu spielen. Den anderen jungen Schauspielern fehlt es oftmals noch an Erfahrung, was sich dann auch in ihrer schauspielerischen Leistung widerspiegelt. Gregory Michael (Kevin) mag nicht der beste Schauspieler sein, jedoch ist hier durchaus Potenzial vorhanden. Charlie David als Hauptfigur Toby aber ist eine Fehlbesetzung, da er es nicht schafft, der Figur genügend Leben einzuhauchen, um mit Toby mitzufiebern. Michael spielt David in gemeinsamen Szenen buchstäblich an die Wand, was nicht immer förderlich bezüglich des Porträtierens des Liebespaares ist. William Gregory Lee spielt den Bösewicht Ambrosius glaubhaft, Josh Barresford (Cory) spielt betont motiviert und bringt frischen Wind ins Ensemble, Nadine Heimann als Van allerdings hätte man zuvor mehr Übung gewünscht. Die anderen Schauspieler bekommen nicht genug Platz zu glänzen, zeigen aber in ihren wenigen Szenen kein überragend großes Schauspieltalent. Jedoch muss man sagen, dass sowohl Schauspieler als auch Serienmacher äußerst bemüht sind, was diverse Schwächen wiederum wett macht. Und gerade das nicht-perfekte Spiel des Casts macht diesen unwiderstehlichen Trash-Charakter der Serie aus. Trotzdem: Hier bitte nicht übertreiben.

4. Sex
Was New York für »Sex and the City«, ist der Sex für »Dante’s Cove«. Dieser spielt in der Serie nämlich so etwas wie eine weitere Hauptrolle. Besonders im ersten Teil der Staffel reihen sich die Sexszenen im Minuten-Takt aneinander, wodurch teilweise fast schon so etwas wie eine Softporno-Atmosphäre entsteht. Dies stört jedoch nicht, da man von Beginn an weiß: In Dante’s Cove geht es neben dem Horror vor allem um heißen Sex von durch die Bank durch perfekt aussehenden Menschen. Aber nicht nur das: Der Sex gliedert sich in die Story ein. Ambrosius‹ leidenschaftlicher Sex mit dem heißen Butler ist der Ausgangspunkt für die gesamte Story der Serie. Kevin und Toby können die Finger nicht voneinander lassen, was von ihrer ungeheuren Zuneigung und dem Verlangen nach Nähe zeugt. Ambrosius‹ krankhafte Besessenheit Kevins gegenüber zeigt sich in seiner psychischen und physischen Kontrolle über ihn, was zwar wiederum zu heißem Sex führt, am Ende aber nichts anderes als Vergewaltigung ist. Und auch der Titel selbst zeugt schon davon, dass Sex hier großgeschrieben wird: Im Stück »Inferno« des Poeten Dante geht es um Erkennung und Zurückweisung von Sünde. Und Sex ist in der Dante’s-Welt alles: Sündhaft, romantisch, wild, dunkel, verletzend, aber vor allem eines: Heiß!
Denn mit nackter Haut, lautem Gestöhne und durchaus expliziten Sexstellungen wird nicht gespart. Auch eine Full Frontal-Ansicht bekommen wir zu Beginn zu sehen. Wunderschön inszeniert, wirken diese Szene nicht nur erregend, sondern berühren auch. Wenn der Song im Hintergrund den Text »Sometimes I want your soul in my hands« zur äußerst erotischen Sexszene schmachtet, weiß man, dass man sich hier nicht in einem billigen Porno, sondern einer aufstrebenden Serie befindet.
Dabei ist auch zu erwähnen, dass nicht nur heißer Sex zwischen Männern gezeigt wird, sondern auch zwischen Frauen und Männern und Frauen (ja, das gibt es auch!). Überhaupt knistert zwischen allen Figuren eine hocherotische Spannung, egal, ob nun homo, hetero, bi oder sonstwas. Dass all die Figuren die meiste Zeit halbnackt oder auch vollkommen nackt durch die Gegend rennen, versteht sich dabei von selbst. Die Körper werden bei jeder Gelegenheit ins rechte (und durchaus sehr ästhetisch inszenierte) Licht gerückt, so zum Beispiel, wenn sich der nachdenkliche Kevin nur mit einer Jeans bekleidet im seichten Meereswasser räkelt. Dass dies um des Effektes willen geschieht, ist klar. Dante’s Cove verheimlicht aber nicht, dass er den Sex-Aspekt bis an die Spitze treibt und bewusst übertreibt. So wird der Sex oftmals derart überspitzt in die Story integriert, dass es schon wieder unfreiwillig komisch ist. So zum Beispiel, wenn der unter Gedankenkontrolle stehende Kevin, dramatisch die Augen verdrehend, über die gesamte Insel wandert und sich dabei immer mehr auszieht, bis er schließlich vollkommen nackt vor seinem Gebieter steht, entbehrt sich das nicht einer gewissen Komik.

5. Horror
Angenehm ist auf jeden Fall, dass in der Serie tatsächlich der Mystery-Effekt im Vordergrund steht und nicht die schon etwas abgelutschten Probleme, mit denen sich (homosexuelle) Teens im TV eben so herumschlagen müssen. Zwar gibt es natürlich auch diese, sie betten sich aber vielmehr in den Horror-Kontext ein. In der dunklen (und verrückten) Dante’s-Welt geht es in erster Linie um Flüche, Visionen, Hexen, Avantare, Gedankenkontrolle. Wer mit alldem nichts anfangen kann, wird auch von der Serie enttäuscht sein. Horror-Fans wiederum sollten das Alles nicht ganz so ernst nehmen, da die Special Effects oftmals nur so von einem kleinen Budget schreien, und auch die Flüche und lebenserweckende Küsse oftmals nicht ganz die originellsten sind. Die Zuckungen der sterbenden Opfer , der aus den Mund quellende Schaum oder die glühend roten Augen sind manchmal derart (unfreiwillig) witzig, dass man Dante’s Cove auch als Parodie auf das Horror-Genre ansehen könnte.
Die Serie baut mit der Tresum-Religion, eine Art von Hexenzauber, ein eigenes Universum auf, das zwar anfangs nicht so leicht zu durchschauen ist, bei genauerer Betrachtung (und in späteren Staffeln) aber durchaus ganz interessant ist. In der ersten Season jedoch brummt einen so manches Mal der Schädel, will man im Tresum-Universum so richtig durchblicken. Potenzial hat dies aber auf jeden Fall.

6. Musik
Man muss es einfach sagen: Dante’s Cove hat einen saugeilen Soundtrack. Musik spielt in der Serie eine beinahe genauso wichtige Rolle wie der Sex, weshalb diese zwei Komponente auch miteinander verbunden werden und so beim Zuschauer ein Gänsehaut-Feeling verursachen. Den Songs gelingt es perfekt, die jeweilige Atmosphäre einzufangen. Schon allein der Titelsong »Dying to be with you« von Eric Allaman (gibt es in zwei Versionen!) ist hitverdächtig. Musikalisch kann sich Dante’s Cove durchaus mit Krachern wie The OC messen.

7. Fazit
In den (durchaus gemischten) Kritiken zu Dante’s Cove stolpert man immer wieder über eine bestimmte Redewendung: »guilty pleasure«. Was soviel heißt, wie: Man weiß, dass es schlecht ist, aber man kommt eben nicht weg davon. Und genau dies trifft auch auf Dante’s Cove zu: Ja, es ist trashig, es ist manchmal dumm und es ist komplett over the top. Aber da ist auch eine Neugierde auf diesen komplett neuen Mix aus Horror, Soap Opera, Drama und vor allem jeder Menge homosexueller Figuren. Der Serie gelingt es, trotz allen Schwächen eine dramaturgische Spannung aufzubauen, die einen dann doch wieder einschalten lässt. Und da sind natürlich die vielen verschwitzten nackten Adonis-Körper, die sich da aneinander reiben, die einen dazu verführen, dran zu bleiben. Dante’s Cove hat die schwule Serienwelt auf jeden Fall verändert. Ob zum guten oder schlechten, muss jeder für sich selbst entscheiden.
Für Fans von: Queer as Folk, Charmed, Buffy, Melrose Place, Reich und Schön, The OC
Enttäuschend für Fans von: Six feet under, Will & Grace, CSI, Dr. House