ARTIST PHOTOGRAPHER BITCH, so beschreibt sich die »Drag Goddess« Holestar, die in der Szene mit schrillen Outfits und extravaganten Performances immer wieder für Aufsehen sorgt und nächsten Donnerstag im Wiener »Heaven« zu sehen sein wird. Gayboy traf die »professionelle Dominatrix«, um sich mit ihr ein wenig über ihre Arbeit und ihr Leben zu unterhalten.

Gayboy Du beschreibst Dich selbst als »Künstlerin Fotografin Bitch«, inwieweit beeinflusst es Deine Arbeit, eine »Bitch« zu sein?
Holestar Sehr! Ich wurde fünf Jahre in England an der Universität zur Fotografin ausgebildet, während dieser Zeit habe ich auch angefangen, meine Sexualität in Frage zu stellen und habe die SM-Szene kennengelernt. Als ich immer mehr über diese Szene herausfand, wurde ich eine Domina. Ich habe mich bald auf körperliche Bestrafung konzentriert und auch festgestellt, dass ich lesbisch bin. In der Armee hatte ich zwar Sex mit Männern und war zufrieden damit, aber nur deshalb, weil es das war, was jeder von mir erwartete, deshalb dachte ich auch, es wäre das, was ich will. Jetzt weiß meine Familie und überhaupt jeder bescheid und ich bin glücklich damit. Die Bezeichnung »Bitch« kommt von meiner künstlerischen Seite, der Art der Darstellung, die ich in der Fotografie verwende.
Gayboy Du verwandelst Dich des Öfteren in eine «Drag Godess«. Was ist der Unterschied zwischen einer »normalen« (männlichen) Drag Queen und einer »Drag Godess«?
Holestar Die »Drag Goddess« sollte ursprünglich ein Kunstprojekt werden, ich stellte fest, dass ich singen kann, entdeckte vor zwei Jahren den Life-Ball und habe mich dann in eine »Drag Goddess« verwandelt. Eine Drag Queen ist ein Mann oder ein(e) Trans-Gender, und üblicherweise hat nie eine Frau ausgesehen, wie eine Drag Queen. Ich bin eine »biologische« Frau, aber ich verstehe mich mal als Frau, dann als Mann und dann wieder als Frau ... Ich bin ein »cock in a frock without the cock« (ein »Schwanz im Kleid, aber ohne den Schwanz«). Drag Queens sind »normalerweise« männlich, und ich habe mir daher die Frage gestellt: »Warum kann eine Frau keine Drag Queen sein?« Und weil eine »Goddess« einen höheren Rang hat als eine »Queen« kann man nicht höher aufsteigen als eben zu einer »Drag Goddess«. Das ist ein Wort, das ich selbst kreiert habe, und zwar für mich! Ich mag diese übliche Kategorisierung, dass eine Lesbe auszusehen hat, wie ein Kerl, überhaupt nicht! Ich liebe Glamour, liebe es, mich herauszuputzen, den Glitter, Federn, einfach schrill und albern zu sein. Ich will nicht »normal« sein, das wäre ja auch langweilig, das war ich früher mal. Das Leben ist zu kurz, um normal zu sein! Manchmal wissen die Leute besonders heterosexuelle Männer bei meinen Performances nicht, ob ich ein Mann oder eine Frau bin, das mag ich, das ist echt lustig. Ich mag die Idee, dass Leute glauben, was sie glauben wollen. Wenn sie glauben, ich wäre ein Mann, ist das cool, aber wenn sie glauben, ich wäre eine Frau, dann ist das auch cool, sie sollen einfach denken, was sie denken wollen.
Gayboy Du arbeitest auch als professionelle »Dominatrix«, was ist der Unterschied zwischen einer »Dominatrix« und einer Prostituierten?
Holestar Eine Dominatrix dominiert, eine Prostituierte hat Sex. Ich biete überhaupt keine sexuellen Services an. Das interessiert mich nicht. Ich habe nichts gegen Prostituierte, aber das ist nicht das, was ich machen will. Mir geht es um Macht und Kontrolle und darum, die Grenzen der Sexualität zu erforschen. Mein Sexleben ist aber Privatsache!

Gayboy Du beschreibst Dich als »metomorphosexual«, was bedeutet das?
Holestar Der Begriff kommt von der Künstlerin Annie Sprinkle aus San Francisco, die in den Bereichen Foto, Film und Performance arbeitet, sie hat dieses Wort kreiert. Sie ist für mich so etwas wie ein Idol, vor kurzem ist sie auch in Wien aufgetreten. Da habe ich sie getroffen und mich bei ihr dafür bedankt, dass sie für mich so eine Inspiration ist. »Metomorphosexual« definiert Sexualität nicht als schwul, hetero Mann oder Frau der Begriff beschreibt eine Person, die einfach Spaß am Sex hat, ohne schwarz-weiss-Malerei. Wir sind doch alle sexuell!
Gayboy Am Freitag, dem 23. April trittst Du in Linz im Beluga auf und am Donnerstag, dem 29. April im Heaven in Wien. Was dürfen wir uns dafür als Performance erwarten?
Holestar In Linz werde ich als Drag Goddess herausgeputzt die »Mistress of Ceremonies« sein. Das sieht so aus, dass der DJ spielt und ich singe, was mir dazu so einfällt. Die Texte habe ich teilweise selbst geschrieben, teilweise sind das alte Club-Tunes. Im Heaven werde ich klassische Club-Songs bringen, ohne Improvisation. Für die Zukunft plane ich auch, einmal zu versuchen, Platten aufzunehmen.
Gayboy Du hattest eine Vernissage und Ausstellung vom 27. Februar bis 22. April im SMart Café in Wien unter dem Motto »it aint what you do its the way that you do it« ist das Deine generelle Philosophie?
Holestar Ja und Nein! Das war vielmehr der Titel meiner Show. Alles, was ich tue, hat ein verschiedenes Konzept. Ich hatte dort eine Performance als Drag Goddess und Domina, bei der ich einem Mann, der als Sklave auf einer Bank lag, ca. 40 Kluppen (Wäscheklammern) auf die Genitalien gesteckt habe. Dann habe ich sie wieder abgenommen und sie ins Publikum geworfen. Dazu spielte eine wirklich dämlich-schlechte schreckliche Pop-Musik. Die Idee war, dass sich das Publikum fragen sollte: Was ist jetzt härter? Was wir hier zu hören oder was wir zu sehen bekommen?
Gayboy War die Performance ein Erfolg? Was bedeutet Erfolg für Dich? Wie würdest Du »Erfolg« definieren?
Holestar Die Performance war ok, ist ganz gut gelaufen, gutes Publikum. Erfolg in der Zukunft? Ich habe keine Ambitionen, eine zweite Madonna oder Britney Spears zu werden, ich will als Performer in der Schwulenszene und der Club-Szene erfolgreich sein. Es ist sinnlos zu glauben »Ich werde ein großer Star«, da gibt es schon zu viel Wettbewerb. Ich möchte ein paar gute Club-Hits haben und international performen. Als Künstlerin habe ich höhere Ziele: Da wäre ich gern ein weiblicher Andy Warhol oder Jeff Koons.
Gayboy Du hast Dir Wien als Ort zum leben und arbeiten ausgesucht, ist eine ziemlich konservative Stadt wie Wien denn ein gutes Umfeld für Deine Art von Kunst?

Holestar Wien ist wirklich sehr konservativ und restriktiv! Aber gleichzeitig ist es das Herzen Europas und ich glaube, dass ich hier eine bessere Chance habe, erfolgreich zu sein als in London, aber ich werde nicht ewig hier bleiben. Ich bin vor zwei Jahren auf Urlaub hierher gekommen, und als ich eines Nachts ziemlich betrunken war, kam einer daher und fragten mich: »Du bist eine Künstlerin, Du bist eine Domina, also warum ziehst Du nicht hierher?« Und genau das tat ich dann. Ich hatte keinen Job, kein Geld und keinen Partner, ich kam hierher mit nichts, außer einer gehörigen Portion Ehrgeiz.
Gayboy Du hast in der Britischen Armee gedient, war das Deine eigene Entscheidung? Bereust Du diese Entscheidung jetzt?
Holestar Ja, das war meine eigene Entscheidung, aber der Grund dafür war, dass ich sehr jung war, ich habe damals zu viele Parties gefeiert und brauchte einen Job und Disziplin und ging blöderweise zur Armee. Ich bereue es schon, weil ich nach dieser Zeit bei der Armee jetzt die körperlichen Auswirkungen zu spüren bekomme, ich leide am Hypermobility-Syndrome, was ständige Schmerzen bedeutet, aber damit muss ich eben leben. Andererseits ist mir dadurch bewusst geworden, dass ich mich aufrappeln und etwas aus meinem Leben machen muss. Diese Zeit hat mich erwachsen werden lassen, mich stärker und schließlich zu dem gemacht, was ich jetzt bin.
Gayboy Inwieweit hat die Army Deine Arbeit beeinflusst?
Holestar Überhaupt nicht! Sie hat meinen Charakter gestärkt, aber die Britische Armee ist wirklich ein Scheiß! Das ist jetzt vorbei und Vergangenheit, hat mich aber härter im Nehmen gemacht.

Gayboy Bei vielen Deiner Fotografien geht es um «BDSM« und um die Unterwerfung und Erniedrigung von Männern, was bedeutet «BDSM« eigentlich, und was bedeutet es für Dich?
Holestar Bondage Domination and Sado-Masochism. Für mich geht es dabei darum, Arten der Sexualität zu erforschen, die nicht als »normal« angesehen werden. Es gibt so viele Möglichkeiten, Sex zu haben, manche Menschen wissen überhaupt nicht, was Sex ist und glauben »steck ihn rein, zieh ihn raus« und das wars dann. Das ist es aber, was die Gesellschaft von den Leuten erwartet. Das ist ein fürchterlich langweiliges Konzept von Sex. Ich hoffe, die Leute werden in Zukunft in dieser Hinsicht aufgeschlossener, es ist schade, dass das noch immer als Tabu angesehen wird. Jede Art von Missbrauch ohne Zustimmung ist falsch, aber wenn Leute einverstanden damit sind, warum stuft die Gesellschaft das dann als falsch ein?
Gayboy Wirst Du auch heuer wieder am Life-Ball vertreten sein?
Holestar Ja! Aber ich weiss noch nicht zu 100 % sicher, was ich genau machen werde. Meine Agenten haben das noch nicht geklärt, aber ich glaube ich werden im Garden-Club Room auftreten. Aber was genau ich machen werde ... Kommt einfach hin und schaut es Euch an!
Gayboy Bist Du eigentlich Single?
Holestar Ja! Und ich bin auf der Suche nach einer netten jungen und vor allem aufgeschlossenen »Lady«.
Gayboy sagt Danke für das Interview und wünscht Dir für Deine Zukunft alles Gute und viel Erfolg!